Orte und Wohnplätze

Die Weihnachtsflut von 1717 und ihre Folgen für Accum

Die Aufzeichnungen von Pastor Treuer über die Flut
Die Folgen der Flut
Wie finanziert man eine Kirche, wenn alle Kassen leer sind?
Dank an den Grafen

 

 

Die Aufzeichnungen von Pastor Treuer

Pastor Gotthilf Treuer (1712 - 1738) schrieb in das Accumer Kirchenbuch zu Anfang des Jahres 1718 einen eindringlichen Bericht über das grausige Geschehen:

25.12.1717 ergoß sich hier in diesen Landen und allen Örten, die an der Nordsee liegen, eine erschreckliche Wasserflut. Der Wind hatte vorher aus dem Westen gewehet und hatte sich den vorigen Tag nach dem Nordwesten darauf begeben, da dann als so sehr durch die Gewalt des Wassers als wohl der reißenden Wildheit desselben alle unsere Teiche (=Deiche) überschwommen und dadurch ganz aus der Erde gerissen und gespült wurden.
Alle Häuser hier herum waren bis über dem Boden mit Wasser angefüllet, und mußten die meisten Menschen durch die Dächer gezogen und mit zwei Bräukupen und ein Badetrog gerettet werden...
Zu der Kirche konnte niemand kommen als mit einem Pferde, welches schwimmen mußte, maßen das Wasser bis in das Schulhaus sich hatt' ergossen, die Menschen konnten vorn aus der Tür der Schule nicht kommen, sondern wurden durch ein Fenster am Wege gezogen, da sie dann in die Pastorei gebracht wurden. In meiner Scheune war das Wasser so hoch kommen, daß man vier Kühe, die unten standen, wegführen mußte, doch blieb es nicht lange daselbst, sondern fiel bald weg, aber mein Garten war bis 11 Schritt vom Wohnhause ganz überschwommen, ingleichen der Brunnen, und hatten wir vor der Tür etliche Tage Ebbe und Flut. Unten in meinem Garten vor der Tür war ein Stacket von Latten, worüber mit Küper, Booten und Trög gefahren wurde. Es ist durch dieses erschreckliche Wasser viel Schaden geschehen, maßen ganze zerbrochenen Häuser in der Geschwindigkeit ankamen, ingleichen viel Kisten und Kasten, todes Vieh, Stroh und Heuwische mit Menschen,die bloß und im Hemde waren, und die Alten lebeten, die Kinder aber waren verfroren; bei denen Sachen, welche waren angetrieben, bestellet ich Wachen Tag und Nacht, und wurde endlich alles geborgen und vorerst den Notleidenden von Holz und Kasten so viel gegeben, damit sie in den ruinierten Häusern ein Logiment vor sich könnten fertig machen.
Das andere alle wurde den Armen zum Besten verkauft. Die vielen Toten, so anschwommen und die man fand, wurden alle in Särge geleget, die ich von den gestrandeten Dingen machen ließ, und wurden darauf ehrlich begraben, und liegen, an der Westseite des Kirchhofes bei die 30 Körper, die man nicht gekannt hat.

Treuer gibt die Zahl von Senkwarden mit 215, von Fedderwarden mit 149 Toten an, in Accum dagegen sind "nur" 25 jämmerlich ertrunken. 16 der Accumer Toten wurden im Kirchspiel gefunden,...manchmal erst nach Wochen. Die anderen blieben verschollen, ihre starren Körper trieben mit dem ablaufenden Wasser auf die See hinaus oder fanden als unbekannte Tote auf einem Kirchhof der Umgebung ihr Grab.
Aber es gab auch bemerkenswerte Errettungen: Am Silvestertag 1717 taufte Treuer nämlich :

Johann Wilken Kind, welches 23. Dez. war geboren und in der erschrecklichen Wasserflut, die den 25. des Morgens zwischen 5 und 6 Uhr einfiel, mit der Mutter auf dem Boden in einem Scheunenhäuschen war gerettet, da die Mutter im bloßen Hemde 3 Tage bei Mangel der Milch das Kind mit ihrem Urin erhalten und endlich hernach in Hike Mehnen Haus in der Langewerth gebracht worden."

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Die Folgen der Flut

Von Jever aus (bis an dessen Mauern das Wasser gedrungen war!) versuchten mutige Männer mit Booten Rettung zu bringen. Graf Anton II von Aldenburg schickte Brot, Pferdedecken, Strümpfe, Wasser und Branntwein zu den im Wasser Eingeschlossenen.
Nach Abfließen des Wassers wurden die Schäden mit Hilfe von Graf Aldenburgs tatkräftiger Förderung  schnell beseitigt, die Deiche repariert.
Doch trotzdem kann man sich vorstellen, wie stark gebeutelt die Bevölkerung war. Die Ernten vernichtet, Felder und Äcker auf Jahre hinaus unbrauchbar geworden, das Vieh ertrunken, die Häuser und Scheunen zerstört, und zusätzlich die Trauer um die geliebten verlorenen Familienangehörigen...
Und zu diesem Zeitpunkt stellte sich ein weiterer Schaden heraus: die Grundmauern der alten Accumer Kirche waren von der Flut stark unterspült worden. Während des Gottesdienstes fielen Steine von der Decke herunter und drohten die Gottesdienstbesucher zu erschlagen. Man konnte die Kirche nur noch unter Lebensgefahr betreten.

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eine Kirche Finanzieren bei leeren Kassen

So kam es im Herbst 1718 zu einem Gespräch, bei dem Pastor Treuer mit bewegenden Worten Graf Anton und dessen Ratgeber  Landrichter Hake die Situation schilderte. Dieser antwortete:
Noch sehen wir überall im Lande die Spuren der Vernichtung, die die Sturmflut angerichtet hat. Alle Bewohner des Landes leiden unter dem Mißwuchs, der Mäuseplage und dem großen Viehsterben dieses Jahres. In vielen Häusern herrscht Mangel und Hungersnot. Es fehlt an dem Nötigsten zum täglichen Leben. Woher sollen wir die Mittel nehmen für den Bau einer neuen Kirche? Die Gemeinde Accum muß sich bescheiden und warten, bis bessere Zeiten gekommen sind! So gerne ich raten und helfen will, ich sehe keinen Weg und keine Möglichkeit.
Graf Anton fragte darauf: Und sollten wir gar nicht helfen können? Sind unsere Kassen völlig leer? Wir fühlen uns verpflichtet, so großer Not zu steuern! Es ist ein Werk zur Ehre Gottes, damit Wir nicht säumen dürfen!
Ew. Hochgräfliche Gnaden, erwiderte der Landrichter Hake, haben in diesem Jahr schon so manches Stück Geld dahingegeben, die Not zu lindern, die Sturmflut und Viehsterben hervorgerufen haben. Aus den Einnahmen der Herrlichkeit Knyphausen ist kaum mehr soviel vorhanden, daß davon Ew. Hochgräflicher Gnaden Haushaltung bestritten werden kann.
Doch der Graf versprach seine Hilfe und sandte den Pastor mit Grüßen an die Accumer Bürger heim. Einen Monat später wurde er mit den Kirchenverwaltern Oye Behrends und Jacob Hicken vor das gräfliche Landgericht in Kniphausen berufen. Hier wurde ihnen ein Dokument überreicht. In dieser Urkunde tat " Anthon, des Heylig. Römischen Reiches Graf, Freyherr zu Aldenburg, Edler Herr zu Varel, Kniphausen und Doorwerth, Ritter pp." kund und zu wissen, er habe sich so zu Herzen genommen, daß die Kirche zu Accum wegen Altertums so baufällig geworden sei, daß sie nicht mehr repariert werden könne. Deshalb habe er trotz der Teuerung und Ungunsten der Zeiten auf einen Neubau ersonnen und schenke nun die Einkünfte des neu eingedeichten Fedderwarder Grodens zum Bau einer neuen Kirche in Accum. Das Landgericht Kniphausen sei angewiesen, alle Gelder, die aus diesem neu eingedeichten Groden einkämen, besonders zu verwahren und allein zu diesem Zwecke zu verwenden. Dies solle gelten für sich, seine Erben und Nachfolger, bis die Kirche bezahlt sei. Er forderte dafür lediglich, dass die Untertanen der Herrschaft Kniphausen durch Spann- und Handdienste mithelfen. So wurde der Bau einer neuen Kirche schon kurz darauf begonnen, und die  Eingesessenen halfen nach Kräften mit. Am 25.12. 1719 wurde zum ersten Mal in der neuen Kirche gepredigt, und diese Kirche steht noch heute in Accum.
Sollte es nun noch jemanden wundern, dass das Wappen des Grafen Anton den Eingang ziert?

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Dank an den Grafen

Zum Dank für das neue Gotteshaus befindet sich über der ehemaligen Eingangstür für Pastor und Herrscher unter dem kleinen Turm mit der Stundenglocke von 1791 das Wappen des Grafen von Aldenburg und dessen Gemahlin Wilhelmina Maria, Landgräfin von Hessen. Darunter steht folgende Inschrift: (Übersetzung)

"Gott dem Gnädigen und Großen geweiht. Dieses vor Altar fast zerfallene Gotteshaus hat in schwerster Zeit, als die Saaten, Viehherden, Dörfer und Felder durch Mäuse, Seuchen und Flut in beklagenswerter Weise verwüstet , verheert und vernichtet waren, auf eigene Kosten, aus den Einkünften des Landes, das durch einen neuen Deich zu seinen Ländern hinzugekommen und jenem (wohl diesem Gotteshaus) geweiht worden ist, von Grund auf wieder herstellen lassen Anton des heiligen römischen Reiches Graf von Aldenburg, freier Baron, Herr von Varel, Knyphausen und Doornwet, Ritter des Elefantenordens. Im Jahre 1719."

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